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KEIM E+H Nr. 1: Farbe als Gestaltungsmittel im Schaffen von Bruno Taut

» Das Ableiern einer

» Das Ableiern einer ›modernen‹ Formensprache ist im Grunde ebenso veraltet und rückständig wie jeder frühere Stilkanon.« Nachhaltigkeit als Leitlinie Ein Gespräch mit Winfried Brenne über Bruno Taut und die Silikatfarben Winfried Brenne gehört zu den Experten in Sachen Bruno Taut. Er gilt zusammen mit Helge Pitz als Initiator der Wiederentdeckung der Tautschen Architektur. Brenne betreibt in Berlin ein Architekturbüro, das sich neben der Sanierung von Siedlungen aus den zwanziger Jahren auch den Wohn- und Verwaltungsbauten, insbesondere unter ökologischen Gesichtspunkten, widmet. Weitere Schwerpunkte sind die Regeneration von Industriebrachen und Stadtteilen sowie die Wiederherstellung und Umnutzung von denkmalgeschützter Bausubstanz (Kulturstätten, Museen und Ausstellungsgebäude, Schulen). Wann fand Ihre erste Begegnung mit Bruno Taut statt? Das war 1976, als wir das erste Projekt, die Zehlendorfer Siedlung »Onkel Toms Hütte« in Eigeninitiative angingen. Von diesem Zeitpunkt an konzentrierten wir uns immer mehr auf Bruno Tauts bauliches Erbe. Wie kam es damals überhaupt dazu? Ausgangspunkt war einerseits der Modernisierungsdrang der Bewohner, insbesondere hinsichtlich des Auswechselns der Kastenfenster durch isolierverglaste Fenster bzw. der Hauseingangstüren – und andererseits ein Restaurierungsversuch der Denkmalpflege, der wichtige Details ganz einfach überging. Wir haben das kritisiert und dann versucht, selbst ein dem Original gerechter werdendes Sanierungsverfahren zu entwickeln. Aus den genauen Befunden wurde dann ein Buch. Für uns stand damals nicht nur die Denkmalpflege im Vordergrund, sondern die Suche nach einer Methode, dem Bauherrn einen qualitativ hochwertigen Bestandsschutz zu garantieren. Ein Schutz, der auch die Ästhetik beinhaltet? Bestandsschutz heißt, ein Objekt sowohl bauphysikalisch, also in seiner Substanz, als auch in seiner architektonisch-ästhetischen Präsenz zu erhalten. Bei Taut heißt das: Wiederherstellung der Farbigkeit sowie Erhaltung der ausgewogenen Proportionen und der prägenden Details. Nachhaltigkeit, also um die Dauerhaftigkeit. Die Erfahrung unseres Büros zeigt, dass die bei Silikatfarben einfach am besten ist – optisch wie physikalisch. Sie legen viel Wert auf gesamtheitliche Konzepte? In erster Linie sind wir Pragmatiker, die für den Bauherrn eine optimale Sanierung planen. Optimal heißt, dass die ganze Sache auch noch finanzierbar sein muss. Daher versuchen wir, zusammen mit dem Bauherrn, der Denkmalpflege, den Materialherstellern und den ausführenden Firmen die beste Lösung zu erarbeiten. Der Anstrich ist dabei Teil des gesamten Prozesses. Und das Gestaltungsmittel Farbe? Wir erheben bei jedem Objekt Tauts einen Farbbefund, den wir dann mit eventuell vorhandenen Originalplänen abgleichen. Nicht immer gibt es einen Plan Tauts, dann sind wir auf Befund und Erfahrung angewiesen. Aber da haben wir in der Zwischenzeit eine ganze Sammlung mit genau ausgemusterten Tönen. Das hilft enorm bei der Rekonstruktion. Gerade die Farbe verlangt ein hohes Maß an Authentizität. Wie kommen die Farben heute an? Farbe ist ja nicht nur Anstrich. Farbe ist emotional und sensual. Natürlich sorgen die Tautschen Farben auch heute noch für Wirbel. Aber sie bieten noch immer Identifikation und einen ästhetischen Mehrwert. erhalten & gestalten 14 Kontakt: Architekturbüro Brenne Rheinstraße 45 12161 Berlin Fon 0 30/8 59 07 9-0 Fax 0 30/8 59 40 63 brenne_architekten@t-online.de Mit welchen Mitteln? Wir, also mein damaliger Partner Helge Pitz und ich, stießen bei der Quellenforschung auf die Tatsache, dass Taut zur Realisierung seiner Farbgebung auf Silikatfarben von Keim zurückgriff. Ganz einfach, weil sie damals die einzig lichtund witterungsstabilen Anstriche waren. Da lag es nahe, auch für die Sanierung diese Anstrichstoffe zu benutzen. Insofern hatten wir erstmals Mitte der siebziger Jahre Kontakt mit Keim. Und wurden so zum Verfechter der Silikatfarbe? Ja, ganz einfach, weil die Silikatfarbe bauphysikalisch sehr viel besser ist als alle anderen Materialien, die echte Beschichtungen ergeben. Es geht mir in erster Linie um Welches Objekt von Taut war für Sie persönlich am interessantesten? Die Waldsiedlung »Onkel Toms Hütte« in Berlin-Zehlendorf. Und welche Sanierung war am aufwendigsten? Die Gartenstadt »Falkenberg« in Berlin-Treptow. Welchem Taut-Objekt werden Sie sich als nächstes widmen? Das wird die Gartenstadt-Kolonie »Reform« in Magdeburg sein.

13 4 11 19 3 17 14 1 Objekte 8 18 15 11 9 10 5 7 20 16 6 2 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Wohn- und Geschäftshaus 1910/11 Berlin-Kreuzberg, Cottbusser Damm 2–3 Gartenstadt »Falkenberg« 1913–15 Berlin-Treptow, Akazienhof, Gartenstadtweg, Am Falkenberg Siedlung »Am Schillerpark« 1924–28 Berlin-Wedding, Bristolstraße 9–13 Siedlung »Freie Scholle« 1924–31 Berlin-Tegel, Berlin-Reinickendorf, Allmendeweg, Waidmannsluster Damm Siedlung »Ideal« 1925–30 Berlin-Britz, Franz-Körner-Straße, Hannemannstraße, Hippelstraße Kleinhaussiedlung Hohenschönhausen 1926 Berlin-Hohenschönhausen, Paul-König-Straße Hufeisensiedlung 1925–31, Berlin-Britz, Fritz-Reuter-Allee, Buschkrugallee, Parchimer Allee, Louise-Reuter-Ring Wohnanlage Paul-Heyse-Straße 1926/27 Berlin-Prenzlauer Berg, Paul-Heyse-Straße, Heinz-Bartsch-Straße Wohnanlage 1926/27 Berlin-Neukölln, Leinenstraße, Lichtenrader Straße, Okerstraße 10 Wohnhaus 1926/27 Berlin-Neukölln, Fuldastraße 22/23 11 Wohnanlage 1925/26 Berlin-Weissensee, Trierer Straße 8–18 12 Siedlung »Paradies« 1905–32 Berlin-Treptow, Buntzelstraße, Paradiesstraße, Siebweg, Hundsfelder Straße 13 Siedlung »Onkel Toms Hütte« 1926–32 Berlin-Zehlendorf, Argentinische Allee, Riemeisterstraße Wohnsiedlung 1927/28 Berlin-Prenzlauer Berg, Grellstraße, Rietzestraße 15 Wohnanlage 1927/28 Berlin-Neukölln, Ossastraße 9–16a 16 Wohnanlage 1928 Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße 13–18, Rüscherstraße 17 Wohnanlage »Carl Legien« 1928–30, Berlin-Prenzlauer Berg, Erich-Weinert-Straße, Sültstraße, Gubitzstraße 18 Wohnanlage 1925-29 Berlin-Weißensee, Buschallee 24–107, Gartenstraße 19 Friedrich-Ebert-Siedlung 1929–31, Berlin-Wedding, Afrikanische Straße, Togostraße, Windhuker Straße 20 Wohnhaus Bruno Taut 1926/27 Dahlewitz erhalten & gestalten 15

ERHALTEN UND GESTALTEN