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KEIM E+H Nr. 12: Farbe ist Leben - Friedrich Ernst v. Garnier gestaltet Architektur

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Gegen die weiSSe

Gegen die weiSSe Krankheit erhalten & gestalten Dieses Haus steht an einem Ortsausgang; der Grünklang macht es wieder zum Partner der dort beginnenden Landschaft. Gelb statt Weiß: Das Weingut- Gebäude nimmt nun wieder die Verbindung zur historischen Sandsteinscheune auf. Dazu kommt das frische Grün für Fensterläden und Tore. Fassaden-, Hofgestaltung und Begrünung im Einklang: Hier entsteht wieder das dorftypische Erscheinungsbild eines rheinhessischen Weinguts. Auch Neubauten lassen sich durch maßstäbliche Proportionen und eine regionale Farbigkeit in das gewachsene Dorf integrieren. 14

Solche besonderen Gestaltungen beleben das Ortsbild, sofern sie nicht laut aus der dörflichen Gemeinschaft herausrufen. Die terrafarbene Stimmung betont das Haus mit seinem durch Aufhellung akzentuierten Erkerturm. »Das Dorf ist ein Dorf und keine im Regen eingelaufene Stadt. Sind einmal die dörflichen Inhalte zerstört, dann wird auch mit seinen Bildern nicht mehr viel anzufangen sein.« Friedrich Ernst v.Garnier bekennt sich zum Dorf – weil es Identität stiftet und Heimat bedeutet. Allerdings nur, wenn es seinen gewachsenen Charakter erkennt, diesen erhält und behutsam modernisiert. Typisch für Rheinhessen sind umbaute Innenhöfe, die heute den Rahmen für hochwertige und erfolgreiche Gastronomie bilden – sofern sie atmosphärisch den regionalen Charakter aufnehmen. Das Dorf ist unpopulär – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es begehrt von denen, die den Traum eines freistehenden Einfamilienhauses im Grünen auszuleben gedenken. Auf dem Land scheint dieses Ziel noch erreichbar zu sein, ist der Grund doch billig und ausreichend vorhanden. Die Stadtflüchtigen sind „mehrheitlich nicht auf der Suche nach dem Dorf, sondern nach dem billigen Bauplatz“, so v.Gar nier, weshalb sich „dem alten Dorf der weiße Ring der Neubausiedlungen um den Hals“ lege. Nicht selten verfallen die gewachsenen Dorfkerne, während an ihren Rändern das eigentliche Pfund des Dorfes, seine naturnahe Umgebung, den bezugslos agglomerierenden Eigenheimen geopfert wird – „die weiße Krankheit“ nennt v.Garnier diese Veränderung. Das Dorf im eigentlichen Sinne stellt eine gewachsene, kleinteilige bauliche Gemeinschaft dar, die sich regional entwickelte und sich regional verfügbarer Materialien bediente. Neue Bauten passten sich diesen Ressourcen räumlich und typologisch an, das Dorf war eine in sich ruhende Antwort auf die lokalen Gegebenheiten. Mit der individuellen Mobilität der Menschen und der Möglichkeit, überall die gleichen Materialien nutzen zu können, wurde das Dorf zum Auslaufmodell. Seitdem verändern Dorfkerne ihren Charakter, werden zum „alten“ Dorf, was so viel wie unmodern, unkomfortabel, nicht erhaltenswert bedeutet. Die Folge: Die Dörfer veröden, während nach außen die Uniformität wuchert. Dass dabei der einst eigenständige Charakter auf der Strecke bleibt, muss eigentlich nicht erwähnt werden. Auch an Rheinhessen, dessen Örtchen wirtschaftlich vom Wein- und Landbau sowie materialmäßig vom regionalen Sandstein geprägt waren, ist diese Entwicklung nicht vorbeigegangen. Nun prangert v.Garnier, bekennender Liebhaber des heimatstiftenden ländlichen Umfelds, diese Veränderung schon lange an – und engagiert sich in der Umgebung seines Studios mit den ihm eigenen Mitteln für den Erhalt oder die Wiedergewinnung des „genius loci“. „Dörfliche Bilder, mit denen Millionen den Begriff einer Heimat verbinden, werden geprägt durch ganz vertraute und unverwechselbare Stimmungen in jeweils eigenen Materialspielen aus Stein und Raum, aus Feld und Wasser, aus Farbenlicht und Klimabild“, so v.Garnier. Folglich setzt v.Garnier mit seinem Studioteam alles daran, die lokalen Charakteristika, die Materialien und die Farbigkeiten so zu würdigen, dass das Dorf die Chance bekommt, sich wieder aus sich selbst zu entwickeln. Beispiele dafür gibt es inzwischen genug – vom Restaurant, das in einer wiederaufgebauten Scheune zu Tisch bittet, von sanierten Dorfhäuschen, Höfen, von integrierten An- und Neubauten. Die Farbigkeit folgt meist einer warmen Grundstimmung, ist leicht vergraut, nicht grell, vital und doch vertraut. Details wie Klappläden, Türen, Fenster oder die Dacheindeckung spielen dabei keine zu vernachlässigenden Nebenrollen, sondern prägen das Ergebnis wesentlich mit. erhalten & gestalten 15

ERHALTEN UND GESTALTEN