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KEIM E+H Nr. 12: Farbe ist Leben - Friedrich Ernst v. Garnier gestaltet Architektur

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NUANCENREICH WIE DIE

NUANCENREICH WIE DIE NATUR erhalten & gestalten Farbe ist ein Gestaltungsmedium, das den Betrachter unmittelbar anspricht und spontan Stimmungen, Emotionen und Reaktionen hervorruft. Diese emotionale Wirkung ist das eigentliche Geheimnis der Farbe und der Grund, weshalb sich mit vergleichsweise wenig Aufwand große atmosphärische Veränderungen erreichen lassen. Doch mit dieser positiven Eigenschaft einher geht, dass Farbe nicht nur emotional erlebt, sondern auch emotional bewertet wird. Sprich: Gefallen und Nichtgefallen, also kulturell geprägte und persönliche Vorlieben, dominieren nur zu schnell die Diskussionen über die Farbe. Und das ist in den eigenen vier Wänden nicht anders als im öffentlichen Raum oder an der Fassade. Für den Farbplaner bedeutet dies, seine Entwürfe mit objektiven und zugleich eingängigen Argumenten zu hinterlegen, wenn es an die Präsentation vor Bauherren, Investoren oder Eigentümergemeinschaften geht. Wer jedoch zu abstrakt argumentiert, wird sein Publikum »Mein Farbenkompass ist der Ordnungsstern aus Eigenschaften, die es beim Farbentwurf für Architektur zu durchdenken gilt.« weder erreichen noch begeistern können. Dieses Dilemma hat Friedrich Ernst v.Garnier für sich gelöst. Zum einen scheut er sich nicht davor, seinem Publikum voller Empathie und Emotion zu begegnen und es für seine Arbeit zu begeistern. Zum anderen hat er ein Instrument entwickelt, das die Farbkonzeption mit visuell erkennbaren Analogien unterfüttert. Dieser „Farbenkompass“ ist Analyse-, Visualisierungs- und Arbeitstool zugleich – und basiert auf dem Garnierschen Verständnis der organischen, sprich natürlichen, in der Umgebung des Gestaltungsobjekts verankerten Farbigkeit. Lieferanten dieser Basiscoloratur können die Vegetation, Lichtstimmungen, das regionale Steinvorkommen, Landschaftsbilder 16

Mit seinem „Farbenkompass“ nutzt v.Garnier ein Instrumentarium, das die vorhandene Farbigkeit zunächst abstrahierend analysiert und objektiviert, dann in einem Polaritätenprofil verortet und zur Gestaltungsbasis macht. Die Pixelung abstrahiert Farbklänge aus der Natur wie aus der gebauten Umgebung und liefert die Basis für die facettenreichen und landschaftsnahen Farbkompositionen. oder der Baubestand sein. Eine enorme Fülle von Einzelnuancen also, die v.Garnier nun verdichtet – oder genauer: pixelt. Fotos werden zerlegt in großflächige Pixel, die Farben konzentrieren sich zu signifikanten Schwerpunkten und werden so lesbar. „Pixel ordnen das Handwerkszeug, wenn überstürzte Freiheiten aller natürlichen Farben den Planer überfallen“, so v.Garnier. Mit dieser verblüffenden Methode können mobile von immobilen, laute von leisen, harmonische von störenden Farben differenziert werden. Und diese abstrahierten Farbpaletten, zu denen auch typische Saisonfarben aus der Natur gehören, fließen dann in die Baugestaltung ein, werden in Beziehung gesetzt zu Kubaturen und Flächen. Die Pixelanalyse ist so eindrucksvoll und eingängig, dass sich die darauf bauende Gestaltungskonzeption fast von allein erklärt. Übrigens erfassen die Pixel auch industrielle Umgebungen genauso als „natürliche Basis“ wie Schmutz. Der legt sich bekanntlich ungefragt auf Flächen und verändert bisweilen das Aussehen von Gebäuden mehr als die geplante Farbigkeit. Daher fließt der Schmutz immer wieder in die Analyse von Bestandsbauten mit ein – und wird mitunter sogar malerisch als bewusstes Gestaltungselement übernommen. Neben der Pixelanalyse bedient sich v.Garnier eines weiteren Tools, das die Farbigkeiten in einem Polaritätenprofil gegenüberstellt. Dieser eigentliche „Farbenkompass“ umfasst die drei Grundpolaritäten der Garnierschen Farbphilosophie: aktiv/passiv, hell/dunkel und kalt/ warm. Auch diese Systematik dient letztlich dazu, die Farbenvielfalt in ein praxisgerechtes Bezugssystem einzubinden, das die Kreativität des Gestalters nicht bremst, sondern ihm eine Leitlinie an die Hand gibt. Eine gewollte Reduktion, die aber nicht reduzierte Farbkonzepte hervorbringt, sondern die gewünschten Eigenschaften der Farblichtstimmung definieren hilft. erhalten & gestalten 17

ERHALTEN UND GESTALTEN