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KEIM E+H Nr. 12: Farbe ist Leben - Friedrich Ernst v. Garnier gestaltet Architektur

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Alte Balkone wurden bei

Alte Balkone wurden bei der Sanierung abgenommen und durch geräumigere Vorstellelemente ersetzt. Deutlich wird hier der Modernisierungssprung zwischen dem neuen und dem alten Zustand (Mitte). erhalten & gestalten »Wir haben uns für die Akzentuierung mit Streifen entschieden, weil eine freie, malerische Gestaltung die schlichten Gebäude Klar überfordert hätte.« In den 1960er-Jahren brummt in Wetzlar die Wirtschaft, unter anderem dank des Heizungsherstellers Buderus, der für seine neuen Mitarbeiter Wohnungen braucht. Die baut unter anderem die Gewobau in Hermannstein, einem eher ländlich geprägten Örtlein an der Peripherie Wetzlars. Von 1962 an erstellt die Gewobau 21 Mehrfamilienhäuser mit zwei und drei Etagen unter großen Satteldächern. 1973 schließt ein fünfgeschossiges Hochhaus die dann 234 Wohnungen umfassende Bebauung ab. Die Bauvolumina sind typische Vertreter ihrer Zeit, pragmatisch, funktional, schnörkellos – aber in grüner Hanglage gestaffelt platziert. Nicht nur deshalb sind die Wohnungen beliebt, selbst vier Jahrzehnte später hat sich daran wenig geändert, auch wenn die Gebäude sichtlich in die Jahre gekommen sind. 2006 beschließt die Gewobau, eine Rundumsanierung der Gebäude zu starten, primär um die energetische Bilanz zu verbessern, nebenbei aber auch, um die Attraktivität der Siedlung zu erhalten. Schließlich entwickelt sich auch Wetzlar zu einem Mietermarkt, in dem nur attraktive Angebote bestehen können. Das ist mit ein Grund, weshalb man sich bei der Gewobau auf die Farbe besinnt – und auf Friedrich Ernst v.Garnier. Vor vielen Jahren bereits gestaltete er ein Projekt in Limburg, das erfreulich wenig Graffiti-Fans anzog. Also engagiert man das Studio auch für Hermannstein, 2007 liegen die ersten Entwürfe vor. Mit der Gewobau wird dann aus den Vorentwürfen der Favorit bestimmt, dieser weiter ausgearbeitet, detailliert, weiter abgestimmt und schließlich mit allen notwendigen Angaben als Umsetzungsanleitung dokumentiert. 4

Das Farbkonzept basiert auf der Polarität zwischen kalt und warm, aktiv und passiv. Horizontale Streifen ergänzen die Fassadenflächen, die Dachbereiche sind dunkler gefasst. Im Kern basiert das Farbkonzept auf der Polarität von kalt, warm, aktiv und passiv gefassten Gebäuden. Horizontale Farbstreifen differenzieren die Fassadenflächen zusätzlich und verdichten sich zu den Eingangsbereichen, die damit ihrer zentralen Funktion gemäß akzentuiert werden. Doppelhäuser folgen einer gemeinsamen Polarität, trennen sich aber in eine hellere und dunklere Hälfte. Diese dunklen Werte sind unabdingbar, um den Baukörpern eine gewisse Stabilität und Prägnanz im Ge - lände zu verleihen. Das Hochhaus mit seinem Flachdach, eine Sonderform der Bebauung, trägt eine steinerne Rotfärbung, ist damit auch farblich herausgehoben. Interessant ist, dass bei den dreigeschossigen Bauten der unmittelbar unter dem Dach befindliche Fassadenbereich verhüllter als der Rest ist. Mit diesem Trick wird die Höhe reduziert und zum Dach hin vermittelt. Die Dächer wiederum, allesamt neu gedämmt und eingedeckt, sind in das Gestaltungskonzept einbezogen. Großflächenziegel in vier Farben runden das Farbkonzept ab, mal dominiert Rot, mal Schiefergrau, wobei den Rand der jeweils andere Farbton bestimmt. Rein technisch betrachtet tragen die Fassaden nun ein Wärmedämm-Verbundsystem mit 14 Zentimeter starken Dämmplatten der WLG 035, dazu ein mineralisches Putz system mit silikatischer Endbeschichtung, die auch die langlebige Farbigkeit verantwortet. Je nach Zustand der Häuser sind auch neue Fenster oder Kellerdeckendämmungen hinzugekommen. Alle Gebäude jedoch erhielten neue, geräumigere Balkone vorgesetzt. Unter dem Strich sorgt die Sanierung künftig für 35 Prozent geringeren Energieverbrauch, was die sogenannte zweite Miete spürbar reduziert. Diese Ersparnis ist übrigens größer als die maßvolle Mieterhöhung als Folge der Investitionshöhe von rund neun Millionen Euro. Da sind die Kosten für das Farbkonzept „zu vernachlässigen“, so Gewobau-Geschäftsführer Thorsten Köhler, nicht aber dessen wertsteigernde und emotionale Wirkung. Projekt: Wohnsiedlung Wetzlar-Hermannstein Bauherr: Gewobau mbH, Wetzlar Ausführung Fassaden: Fischer Fassadengestaltung & Raumdesign GmbH, Waldsolms; Maler Morasch, Wetzlar Ausführungsjahr: 2008–2010 Standort: Otto-Wels-Straße, Wetzlar erhalten & gestalten 5

ERHALTEN UND GESTALTEN