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KEIM E+H Nr. 13: Chancen für den Wohnungsbau der 50er- bis 70er-Jahre

Die Siebziger im Blick

Die Siebziger im Blick In den 1970er-Jahren baute man gerne vertikal, neigte zum Verschachteln und vernachlässigte die Energieeffizienz. Letzteres lässt sich ändern. Es ist ein Gebäude, dessen Typus quer durch die Republik immer wieder auftaucht. Ein „kleines Hochhaus“ mit oben zurückgesetzten Staffelgeschossen und einem durchaus verschachtelten Grundriss. 24 Wohneinheiten und eine Praxis befinden sich in dem 1972 erstellten Gebäude in Mülheim an der Ruhr – aber wie gesagt, es könnte auch in Berchtesgaden stehen. Im Jahre 2008 dann entschloss sich die Eigentümergemeinschaft zu einer Sanierung des Gebäudes, damit es wirtschaftlicher werde. Als Basis für das Sanierungskonzept dienten der frisch erstellte Energieausweis und die Energieberatung durch das Architekturbüro Kamieth. Dabei wurde klar, dass nur die umfassende Erneuerung der Hülle brauchbare Effekte bringen würde. Also erhielt die Fassade ein mineralisches Wärmedämm-Verbundsystem mit 140 Millimeter Dämmstärke, die Fenster wurden komplett erneuert und die Kellerdecke mit Polyurethanplatten ebenfalls gedämmt. Die Optimierung der mit Fernwärme beschickten Heizungsanlage rundete die Maßnahmen ab. Zugleich nahm man die Chance wahr, auch die Optik zeitgemäßer zu fassen. Neben den neuen Balkonbrüstungen erhielt das Wohngebäude eine neue subtilzurückhaltende Farbgebung, die dem Baukörper eine sachliche Anmutung verleiht. Die Ertüchtigung zeigte bereits den erwünschten Effekt: In der ersten Heizperiode nach der Sanierung reduzierte sich der Fernwärmebezug um satte 35 Prozent. erhalten & gestalten Nach der Sanierung zeigt sich das kleine Hochhaus energetisch und optisch in bester Form – 2010 belegte es den zweiten Platz beim Mülheimer Fassadenpreis. Bauherr: Eigentümergemeinschaft Sanierungsplanung: Wolfgang Kamieth, Mülheim Farbkonzept: FarbOffice, Annette Kamieth-Flöer, Mülheim Ausführung: Bergstein GmbH & Co KG, Mülheim Standort: Ruhrblick 30, Mülheim/Ruhr 10

Imagefaktor Farbe In Gottmadingen, zwischen Bodensee und der Schweiz gelegen, musste man bei der energetischen Sanierung einer 50er-Jahre-Siedlung stark auf den Etat achten. Und entdeckte dabei die Farbe als Identitäts- und Imagefaktor. Farbe ist ein kraftvolles Gestaltungsmedium, das nicht nur die visuelle Präsenz von Bauten moduliert, sondern auch deren Wahrnehmung und Wertigkeit in der Öffentlichkeit. Im Idealfall macht eine eigenständige Farbgebung zusammen mit anderen Sanierungsmaßnahmen bislang unbeachtete Gebäude attraktiv für neue Nutzergruppen. So geschehen in Gottmadingen, einer kleinen Gemeinde unweit des Bodensees. Dort stand die energetische Generalsanierung von Genossenschaftsbauten an, die in den 1950er-Jahren als einfache Baukuben errichtet wurden. Das Sanierungsbudget freilich war eng bemessen, große Veränderungen an der Baustruktur nicht möglich. Ein Wärmdämm-Verbundsystem mit mineralischem Oberputz bildete das Gros der Investitionen. Neue Balkonbrüstungen, Rollläden und Fenster ergänzen die Optimierung der Gebäudehülle. Keine spektakuläre Sache eigentlich – wäre da nicht die intensiv genutzte Farbe. Die Farbgebung mag zunächst ob ihrer Kontrastfülle irritieren, doch sie verleiht den Kuben eine neue Identität, verbessert die Identifikation der Bewohner und neuer Interessenten. „Die farbigen Gebäude haben eine enorm positive Außen- wie Innenwirkung“, sagt Axel Nieburg, Geschäftsführer der Baugenossenschaft. „Die gesellschaftliche Basis der Mieter ist breiter geworden, was dem sozialen Klima innerhalb der Wohnanlage guttut. Die Farbe hat zu einem Imagewandel geführt.“ Farbe, das ist keine neue Erkenntnis, verändert Architektur, wenn sie wie in Gottmadingen auch mal gegen die Tektonik des Bauvolumens eingesetzt wird. So zum Beispiel in Form der treppenförmig auseinanderlaufenden Farbfelder an den Langseiten. Auch an den Giebelseiten bringen asymmetrisch applizierte Farbfelder ein Moment, das die simplen Bauformen überlagert. Rot, Gelb sowie zwei Blautöne, allesamt in kräftiger Sättigung, bilden die Grundlage des Farbenspiels – ergänzt von einem ruhigen Weiß für die Loggien und Fensterrahmen. Farbe kann also seit Jahrzehnten zum gewohnten Bild gehörende Bauten verwandeln – und da das optische Ausrufezeichen in Gottmadingen mit einer substanziellen Verbesserung der Wohnqualität einherging, ist sie auch nicht lockendes Make-up. Auch das ist möglich: Satte Farben signalisieren bereits von Weitem, dass hier eine Erneuerung stattfand. Gerade im Süden Deutschlands zeigt man sich solchen Farbwerten aufgeschlossener als im Norden. Bauherr: Baugenossenschaft Hegau eG, Singen Ausführung: Kornmayer Farbe + Design GmbH, Singen erhalten & gestalten 11

ERHALTEN UND GESTALTEN