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KEIM E+H Nr. 5: Erich Mendelsohn, Hans Scharoun und Max Taut: Architektur des 20. Jahrhunderts

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erhalten & gestalten Wie aus einem Stück Beton gegossen steht der Einsteinturm auf dem Telegrafenberg über Potsdam – eine perfekte architektonische Skulptur. Tatsächlich jedoch wurde der Turm in Mischbauweise aus Ziegeln und Beton errichtet. Dass Mendelsohn den Turm ursprünglich in reiner Betonbauweise plante, dann aber wegen Sparzwängen und Schalungsproblemen davon Abstand nehmen musste, ist eine höchst fragliche These, eher wohl als Legende gewollt. Denn der Gedanke an eine reine Betonbauweise ist nur in einer Briefstelle überliefert. Sonst wird immer nur die Mischbauweise beschrieben – eine brisante Verbindung, deren Problematik mit der damaligen Bautechnik nicht beherrschbar war. Von Anfang an ist der Einsteinturm daher ein Pflegefall: 1920 bis 1922 errichtet und 1924 in Betrieb genommen, stand 1927/28 die erste Sanierung an, 1940, 1950, 1958, 1964, 1974 und 1984 folgten weitere, doch die Ausblühungen, Risse und Abplatzungen kamen immer wieder. Über die Jahrzehnte addierten sich objektimmanente Konstruktionsfehler und die Folgen der Sanierungsversuche zu einem Konvolut an Schäden, die nach einer grundlegenden Instandsetzung riefen. Die kam 1997 bis 1999 mit erheblicher finanzieller Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung. Das zunächst augenscheinlichste Ergebnis: eine „neue“ Farbe, sichtbare Narben sowie ein Pflegeplan, der den Patienten durch laufende Beobachtung und kleine, rechtzeitige Eingriffe dauerhaft erhalten soll. Und auch heute nutzen die Sonnenphysiker des Astrophysikalischen Instituts Potsdam die Anlage mit ihren sensiblen Mess- und Beobachtungsinstrumenten. Die Nutzer waren also an der Wiederherstellung interessiert, ebenso das Land Brandenburg als Eigentümerin des historischen Bauwerks. Zusammen mit der Wüstenrot-Stiftung begann die Instandsetzung, die dank gezielter Schadenermittlungen und begleitenden Untersuchungen trotz der teilweise massiven Schäden unter den veranschlagten Kosten blieb. biotop der bauschäden 1995 beginnen die Untersuchungen mit der bauhistorischen Bestandsaufnahme und der Schadenermittlung. Je intensiver die Spezialisten historische Quellen befragen und vorhandene Schäden untersuchen, desto mehr Probleme tauchen auf. Es gibt kaum einen Bauscha- bau für die wissenschaft Warum dieser Aufwand? Der Turm wurde nie um seiner selbst repariert, sondern er war und ist die Hülle für ein wissenschaftliches Arbeitsgerät: Er beherbergt ein senkrecht stehendes Sonnenteleskop, woraus auch Gebäudehöhe und -form resultieren. Mit dem Teleskop wollten Wissenschaftler ursprünglich einen Teil der Einsteinschen Relativitätstheorie beweisen: die Rotverschiebung im Sonnenspektrum. Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Turm die wichtigste Forschungseinrichtung dieser Art in Europa. Fließende Treppenläufe führen hinauf in den Turm und ins Untergeschoss. Ganz rechts ein Teil der Holzkonstruktion des Coelostatenturms. Der Arbeitsraum im Erdgeschoss ist auch nach der Instandsetzung mit originalen Möbeln ausgestattet. 4

Von Südosten betrachtet, ist die inhomogen belassene Putzoberfläche gut zu sehen. Die neue Außentreppe folgt der ursprünglichen Form. den, den der Einsteinturm nicht zu bieten hat. Risse, hohl stehender Putz, abblätternde Farbschichten, Feuchtigkeit von innen und außen, aufsteigend und einsickernd; Materialien, die sich voneinander gelöst oder miteinander reagiert haben; Korrosion der Betonarmierung, Schimmel, Schwamm. Eine detaillierte Putzkartierung verzeichnet akribisch alle Schäden und versucht, die Sanierungsschichten zu identifizieren. In Ordnung ist eigentlich nur die Statik: Sie hielt sogar einer nahen Explosion im Zweiten Weltkrieg stand – was allerdings verwundert, denn die Betonarmierungen messen nur ein Zehntel dessen, was heute üblich ist. Als Kernproblem schälen sich thermische Spannungen heraus: Sie waren in der Vergangenheit die primäre Schadenursache und werden es wohl auch künftig bleiben, weil die Ursachen nicht behebbar sind. Die strenge Nord-Südund Ost-West-Ausrichtung des Bauwerks führt zur unterschiedlichen Aufheizung der zwischen 30 und 180 Zentimeter dicken Mauerwerks- und Betonaußenwände. Aus den verschiedenen Materialausdehnungen folgen Risse, die wiederum Durchfeuchtungen, winterliche Hinterfrierungen und Putzabsprengungen nach sich ziehen. Darüber hinaus kommen die nach innen geneigten Außenwände einer Durchfeuchtung entgegen. Dem Turm wohnt also ein selbstzerstörerisches Wesen inne, das noch unterstützt wird durch die Historie der teils misslungenen Reparaturen. Denn auch die Putzausbesserungen mit stets anderen Materialien verursachten immer neue Unverträglichkeiten und verschlimmerten die Lage durch weitere Risse. Die in den siebziger Jahren erstmals erhalten & gestalten 5

ERHALTEN UND GESTALTEN