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KEIM E+H Nr. 5: Erich Mendelsohn, Hans Scharoun und Max Taut: Architektur des 20. Jahrhunderts

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„ Das Haus, das mir

„ Das Haus, das mir das liebste war, ließ sich der Fabrikant Schminke in Löbau in Sachsen bauen. “ Hans Scharoun ein offenes haus schwungvoll, hell, wandelbar, großzügig: hans scharouns raumkontinuum des hauses schminke ist auch nach einem halben jahrhundert hochmodern und nutzbar. erhalten & gestalten Eine Fabrikantenvilla aus den dreißiger Jahren stellt man sich eigentlich anders vor, jedenfalls nicht so beschwingt wie das Haus Schminke im sächsischen Löbau. 1931 bis 1933 erbaut es Hans Scharoun für die sechsköpfige Familie des Nudelunternehmers Schminke, die im lichten Haus, direkt neben der Fabrikation, bis 1951 lebt. Auskragende Sonnenterrassen, dynamische Linienführungen und viel Glas charakterisieren das zweigeschossige Haus von außen. Doch erst im Inneren zeigt es seine echten Qualitäten: Das Erdgeschoss ist offen gehalten, als eine Art Raumkontinuum, das sich durch Vorhänge und Schiebetüren unterbrechen und so den unterschiedlichsten Nutzungen anpassen lässt. Der lang gestreckte, von der offenen Halle in den Wintergarten überleitende Wohnraum ist nach beiden Seiten verglast, öffnet sich vollständig der Natur und war mit seiner großen Couch das Zentrum des Familienlebens. Im Obergeschoss finden sich dagegen die eher klein gehaltenen Schlafräume und Gästezimmer. ein anpassungsfähiges haus Wie flexibel die Raumkonzeption tatsächlich ist, zeigt die Nutzung als Klubhaus der FDJ und als „Haus der Jungen Pioniere“, nachdem die Familie 1951 die DDR verlässt. So erfordert die Umwidmung kaum Umbauten, allenfalls die sanitären Räume werden angepasst, das Haus selbst verbleibt in einem relativ guten Zustand. 1968 wandert das Gebäude in die Bezirksdenkmalliste der DDR, 1990 kommt es in den Besitz der Treuhand, dient weiter als Jugendheim und geht 1993 nach dem Verzicht der Erbengemeinschaft auf Rückführung in den Besitz der Stadt Löbau über. 1998 erarbeitet die Pitz & Hoh GmbH eine bauhistorische Bestandsaufnahme, ermittelt die Schäden und stellt ein Sanierungskonzept auf. 1999 beginnt die Instandsetzung, die bis 2000 andauert. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das unter der Prämisse der Erhaltung restauriert wurde, sein Alter durchaus zeigt und die Geschichte nicht negiert. Auch heute dient das Haus Schminke als Haus der Begegnung – wie es Charlotte Schminke bereits 1946 bis 1951 vorlebt, als sie dort ein kleines Erholungsheim für Kinder installiert. gute substanz, aber verlorene farbigkeit Die Instandsetzung initiierte einmal mehr die Wüstenrot- Stiftung, Instandsetzungskonzept und Objektüberwachung übernahm das Büro Pitz & Hoh GmbH, das seinen Großzügig, offen und dynamisch: die Halle im Erdgeschoss, einst mit weiß und farbig gestrichenen Glanztapeten versehen. Die Lichtdecke im Wintergarten mit orange hinterlegten Öffnungen konnte im Original erhalten werden. Ansatz der behutsamen Reparatur hier umfassend verfolgen konnte. Die Schäden an der mit Bimsbeton ausgefachten und verputzten Stahlskelettkonstruktion beliefen sich auf Durchfeuchtung, Putzschäden, Korrosion im Terrassenbereich und Mängel am Flachdach. Vor allem musste eine neue, optimierte Wärmedämmung auf das Dach aufgebracht werden, um thermische Schäden künftig zu vermeiden. Dagegen wurde der ehemals weiß durchgefärbte Edelkratzputz im Original erhalten. Nach Spezialreinigung und partieller Ausbesserung zeigt er sich nun zwar nicht strahlend weiß, doch mit seinem Glimmerzusatz gibt er einen Eindruck früherer Anmutung wieder. Dafür entzieht sich das Interieur der ursprünglichen Farbigkeit: Allein die festen Einbauten tragen heute, sofern sie nicht holzsichtig sind, die per Befund gesicherten Farbanstriche. Die Wände und Decken selbst waren mit Tapeten bekleidet, die Strukturen einbrachten und starkfarbig gestrichen wurden. Mit der Entfernung der Tapeten – vermutlich in den fünfziger Jahren – verschwand dann auch die aus der Literatur bekannte Farbigkeit, die auf historischen Aufnahmen nur zu erahnen ist. Beispielsweise war, den Quellen zufolge, die Tapete der Hallendecke orangefarben gestrichen, die Hallenwände trugen weiße Glanztapeten oder waren über der Spielecke diagonal in Schwarz und Silber geteilt. Die Stufen der Treppe zur Galerie waren mit einem blauen Gummibelag belegt, der schwarze Stoßkanten zeigte. Vom Versuch einer vermeintlichen Rekonstruktion wurde aber zugunsten einer neutral-weißen Fassung abgesehen, Farbe nur dort wieder aufgenommen, wo Befunde dies eindeutig belegen. Auch für die heutige Nutzung unentbehrliche Utensilien und Möbel nehmen sich in Form und Farbe gegenüber der originalen Substanz zurück – so ist das Haus Schminke heute eines der wenigen positiven Beispiele eines belebten Denkmals, das nicht in überzogener konservatorischer Musealität erstarrt. Was wohl auch ganz im Sinne der ehemaligen Bauherren wäre. 8

Schwungvoll auskragende Terrassen und großzügige Verglasungen öffnen das Haus zur Natur. Bauhistorische Bestandsaufnahme, Planung und Objektüberwachung: Pitz & Hoh – Werkstatt für Architektur und Denkmalpflege GmbH, Berlin Bauherr: Wüstenrot-Stiftung und Stadt Löbau, mit ergänzender Finanzierung durch die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Sachsen. Untersuchung und Instandsetzung: 1998 bis 2000 Standort: Kirschallee 1b, 02708 Löbau Besuch: Die Begegnungsstätte ist geöffnet Mo.–Fr. von 10 –18 Uhr, Sa. und So. von 10 –17 Uhr. Anmeldungen für Führungen unter Tel. 03585/862133 oder info@haus-schminke.de Webtipp: www.haus-schminke.de Farbe findet sich heute nur dort wieder, wo sie sicher befundet werden konnte. erhalten & gestalten 9

ERHALTEN UND GESTALTEN